Marburg ist besonders zu dieser Zeit. Riesige Horden frischer Schulabgänger fallen über das verschlafene Städtchen her. Aller voller Eifer und in Aussicht einer neuen Lebensphase. Für ein paar Wochen sind sie anders als der durchschnittliche Student – aufgeregter und neugieriger. Alles ist neu. Sie suchen sich einen anderen Platz auf der Welt.
Als Bummelstudent nimmt man an dieses Schauspiel jedes Jahr mit mehr Verwunderung teil. Die Kleinen sehen anders aus. Man nimmt ihnen das nicht ab, was sie mit ihren Klamotten aussagen wollen. Sie alle geben sich weltgewandt und reif – waren vielleicht ein Jahr im Ausland und glauben alles gesehen zu haben. Dabei kann jeder erkenn wie sehr sie sich Mühe geben den Rest grün hinter den Ohren zu verbergen. Sie sind alle aufgepimipt und so cool wie nur möglich. Aber sie sehen dabei aus wie Schüler, was sie ja auch vor kurzem noch waren. Und die Alten murren. “Schon wieder Ersties”, “Was machen die denn alle heute Abend hier” und “waren wir auch so?”
Die letzte Frage lies mich stutzen. Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nichts mehr vom Neuanfangen und Weggehen. Vom Suchen nach dem Platz, den man nun einnehmen soll und von der Orientierungslosigkeit. Zu sehr bin ich beschäftigt das gewählte akzeptieren zu lernen und mit den Folgen zu leben. Das davor habe ich schon weggeschlossen – um damit abzuschließen. Es reicht schon das 2 Jahre verstreichen um einen Menschen so weit zu entfremden das er nicht mehr wirklich verstehen kann was den anderen Bewegt – wo der Schuh drückt.
Wenn selbst so nah verwandte Lebensitsuation sich so leicht einander entfremden, was bliebt vom der Weisheit, den anderen erst zu beurteilen wenn man eine Meile in seinen Schuhen gelaufen ist? Man kann sich nicht mal ohne Zynismus Schuhe anziehen in denen man vor 3 Jahren gesteckt hat. Das was einem nahe ist schmerzt! Dieser Mechanismus erschreckt! Die eigene Ignoranz erschreckt mich, aber ich sehe nicht wie ich, ohne boshaft und zynisch zu sein, sie verlassen soll! Ich die Neuen doch nicht nur wegen ihres Neu Seins bewerten! Aber es ist schwer gegen solche Automatismen anzugehen.
Was bleibt: den Neuen beim Suchen zusehen und sich darüber freuen wie sie in ihren neuen Schuhen in das kleine Städtchen hinaustanzen – für sie ist der kleine Hügel noch ein echter Berg!