Das neue Jahr naht. Der Zeitpunkt an dem es Brauch geworden ist sich die Hürden für das nächste Jahr noch einmal höher zu hängen. Sich gute Vorsätze machen. Ich befinde mich auch an diesem Punkt:”nächstes Jahr werde ich endlich Vegetarier”, “nächstes Jahr werde ich mehr lesen und weniger PC spielen” oder “nächstes Jahr mache ich mehr Sport” höre ich mich sagen.
So etwas ist mir eigentlich fremd! Was sagt ein Held meiner Jugend dazu:
“Selbstverbesserung ist Masturbation. Selbstzerstörung dagegen…”
Tyler Durden – Fight Club
Selbstverbesserung ist das psychologische Konstrukt das die Maschine – den globalen Kapitalismus – am laufen hält. Es ist der Ort an dem die Zustände sich in unser Leben schleichen, an dem unser Begehren sich mit dem Virus der eigenen Perfektion infiziert. Es ist kein Streben das die Welt besser machen will, das eine Mission oder ein Ideal hat – es ist das hochdrehen eines Motor im Standgas, ohne das ein Gang eingelegt ist; ohne das eine Wirkung erzeugt wird. Das hat mir Fight Club beigebracht: die neurotische Besessenheit des schneller, weiter, höher ist Fake. Es ist keine Lebensform die dich Hält und nichts was dem guten Leben auch nur nahe kommt.
Selbstzerstörung dagegen … ist pure Negativität. Es ist ein NEIN zum Verbessern, ein NEIN zu einer Perspektive in der das eigene Leben nur als Labor für Effizienzsteigerung sieht. Aber es ist aus dieser Warte schwierig die leere Stelle, das NEIN, mit Inhalt zu füllen. Was bleibt ist ein in die Länge gezogenes Leiden. Ein Leiden, das ins nirgendwo unterwegs ist. Und wie sich Jesus für unsere Sünden ans Kreuz schlagen lässt, so lässt sich Tyler für unsere Feigheit ins Gesicht schlagen. Unsere Emsigkeit ist Ziellos. Sie ist Aktionismus im Angesicht der Sinnlosigkeit unseres Daseins. Ein Ausweichmanöver das uns selbst von uns selbst ablenken soll. Aber Fight Club kann hier keine Sprache liefern, die nicht von der Selbstverbesserung befleckt ist. Der blasse Wunsch wieder als Jäger und Sammler eine einfacheres Leben zu bestreiten ist pure Romantik und bleibt innerhalb der gleichen Koordinaten. Es beliebt dem Film nur auf die Würde des Leidens zu verweisen. Der Schmerz hat seine eignen Wahrheit – der Rausch des an Grenzen stoßens und des sich Reibens. Der Niedergang als Lebensform. Die Domestizierung des Widerspruchs!! (vgl Tocotronic – mein Ruin) So habe ich mich damals gesehen: Leiden als Erkenntnisraum. Nicht wie der Masochist sich bis an seine Grenze selbst foltert, aber den Schmerz ausblenden wollen! Es hat etwas naives und resigniertes. Es ist die Haltung desjenigen, der nicht mehr an die Utopie glauben kann (oder will), aber der das beschädigte Leben trotzdem sieht.
In ganz ähnliche Richtung zielt übrigens der Film Office Space. Auch hier wird der Ausweg der einfachen Existenz versucht als Synthese zu verkaufen, was noch weniger glaubhaft wirkt als die Vision Tylers in Fight Club. Auch der Song fitter happier von Radiohead verweist auf die Aushöhlung der modernen Leistungsexistenz. Dieser macht aber nicht den Fehler sich in verklärten romantischen Rettungsideen zu verlieren, er bleibt bei der Ausweglosigkeit und Verlorenheit!
Was hat sich geändert seit Tyler mich in praktischen Lebensfragen nicht mehr so beeinflusst hat? Kann man diese Veränderung einfach damit abtun, dass man sich in seiner Jugend manchmal einfach irrt und an komische Dinge glaubt – man versteht die Welt ja schlieslich noch nicht. Diese Pille will ich nicht schlucken! Was bleibt also zu tun. Jedes Programm das man an dieser Stelle angibt führt zurück in das dunkle Tal aus dem man versuchte hinaus zu gelangen. (außer der Weg des Glaubens, wobei ich nicht weiß ob man sich für diese Lebensform entscheiden kann. Kann man aus einer Kette von Gründen auf etwas Grundloses, wie Gott, gestoßen werden…). Das einzige wozu ich euch auffordern kann ist die Wunde offen zu halten und euch nächstes Jahr noch einmal Fight Club und Office Space anzusehen.
in diesem sinne: ein frohes neues Jahr
ich bin gestrandet, zwischen blinkenden lichtern, menschen im wetteifernden freudenjubel, im nebel wandernden gestalten – den vorboten des sich nähernden riffs. der klang der kriegstrommeln verklingt allmählich, in meinen klamotten noch der geruch nach feuerwerk und euphorie.
das was bleibt.
willkommen im neuen jahr. und so wird kommen ein #neuertag, wieder jeder andere. und die geister die wir gerufen haben sind besonders laut heute nacht. ihre stimmen dröhnen, in unseren köpfen, und wir nicken im tackt des widerhalls. was dann am morgen noch ist, die schlechten erinnerungen, die nachwehen der guten vorsätze. doch jetzt in der dunkelheit, ist man mit sich selbst allein. zeit für ein kurzes stossgebet, glaube ist wieder in, neujahrswünsche 2.0.
wir verändern die welt. alles wird sich jetzt ändern, so wie immer. doch bei discountern erstandenes leuchtfeuerwerk vertreibt eben nicht die geister, es rettet nur für einen moment die fragile hoffnung an das bessere ende. an dem dann endlich all das so sein wird, wie es immer schon hätte gewesen sein sollen.
in diesem sinne, nehmt euch ein wenig flausch, wir leben in aufregenden zeiten, happy new year.
kit
Schon bemerkenswert, wie das Denken noch nach Jahren dieselben, eingeschliffenen Bahnen zieht. Manche Motive, gerade die alten, geben einfach keine Ruhe. Mit Marx möchte man meinen, dass es ihre Funktion ist, die sie nicht ruhen lässt, und sie zu Widergängern macht. Sie werden noch immer gebraucht.
Ein weiterer aphoristischer Widergänger, quasi als Dialogpartner für T.D.:
“Wer sich selbst verachtet, achtet sich doch immer noch dabei als Verächter.” – F.N.
Soviel zum Alten im Neuen
Wir-sind-viele
ps: Die Burnout-Kultur belegt: Selbstverbesserung und -zerstörung sind nicht länger Gegensätze!